Allgemein | von Jonathan Baller | 09.08.2019

Stadt Land Zukunft – Digitaler Wandel, Energiewende und die Suche nach Effizienz

Ein Leben ohne Steckdose ist für uns unvorstellbar. Und gerade die Digitale Transformation scheint uns noch ein Stück abhängiger gemacht zu haben. Nicht nur tragen wir heute alle möglichen batteriebetriebenen Devices mit uns herum, nein, auch deren so körperlos wirkender Content aus der Cloud verbraucht große Energiemengen in den globalen Rechenzentren. Wäre das Internet ein Land, hätte es den weltweit sechstgrößten Stromverbrauch – und läge damit noch vor Deutschland. Wer glaubt, ein gemütlicher Netflixabend auf der Couch bleibe ohne Folgen für das Klima, irrt. Gerade die Zunahme an HD-Streaming zeichnet für den Löwenanteil der Internet-
Emissionen verantwortlich. Doch verzichten wollen wir auch nicht. Ebenso wenig wie auf tierische Produkte, Flugreisen und billige Klamotten aus Fernost. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier mit Hang zur Kurzsichtigkeit. Ist also alles verloren? Vielleicht nicht ganz. Denn es gibt einige, die mit gutem Beispiel voran gehen. So steht Kenia bereits kurz davor 100 % seines Strombedarfs aus nachhaltigen Quellen zu decken. Hier setzt man verstärkt auf Geothermie, Wind und Sonne. Dass bisher nur die Hälfte der Bevölkerung über einen Stromanschluss verfügte, steht auf einem anderen Blatt. Trotzdem ist es ein großer Fortschritt und ein schönes Beispiel für eine erfolgreiche internationale Zusammenarbeit. So unterstützt auch Deutschland seit Jahren die nachhaltige Elektrifizierung des Landes. Ein wichtiger Schritt. Denn im Endeffekt ist es dem Klimawandel egal, wo wir einsparen. Klar: perspektivisch brauchen wir die Null (und sogar Negativemissionen). Doch gerade die letzten Prozent sind die schwersten. Der Aufwand, sowohl physisch als auch finanziell, ein Industrieland komplett klimaneutral mit Energie zu versorgen, ist immens. Und wenn anderswo trotzdem noch die Schornsteine rauchen, ist damit auch nicht viel geholfen. Bevor wir in Deutschland also auf 100% gehen, sollten wir lieber andere Länder dabei unterstützen, ihre Energieversorgung grüner zu machen. Insbesondere wenn dort Wirkungsgrad und ROI so viel höher liegen als in unseren Breiten. Der deutsche Mittelstand wird sicher gerne mitmachen.

Kenia hat solche guten Vorraussetzungen zur Energieerzeugung: heiße Quellen, Wind und eine äquatorbedingte hohe Strahlungsintensität der Sonne garantieren hohe Ausbeuten. Ein Sonnenwärmekraftwerk – das sind jene Komplexe, die die Strahlung der Sonne mittels Spiegeln bündeln, um damit beispielsweise Turbinen anzutreiben – würde in Deutschland nur bedingt funktionieren. In Südfrankreich schon eher, aber am besten in der Wüste. So gab es mit dem Projekt DESERTEC bereits Anfang der 2000er eine Vision für eine ökologisch wie ökonomisch sinnvolle Stromversorgung Afrikas, Europas und des Nahen Ostens. Studien bescheinigten die Machbarkeit, die Wirtschaft war an Bord, doch das Projekt verlief irgendwann im Sande. Die Idee ist jedoch immer noch stark und inspirierte Nachfolger. Und die Zeit scheint reif. Könnte man dann nicht einfach unsere Serverfarmen zwischen die Solarfelder in die Sahara stellen? Vorstellbar, jedoch ging man aufgrund der großen Wärmeentwicklung von Servern bereits dazu über, Rechenzentren in kühleren Regionen der Welt zu errichten, wo der Betrieb deutlich effizienter ist. Wenn hier jedoch auch noch Geothermie dazukäme (hallo Island) oder eine gewisse Grundwindigkeit, dann hätten solche gebündelten Standorte durchaus das Potential, den globalen Datenverkehr deutlich nachhaltiger zu machen. Und das muss er werden, denn trotz allem ist die Digitale Transformation eine unserer besten Waffen gegen den Klimawandel.

Digitale Transformation bedeutet Effizienzsteigerungen. So bescheinigte eine Studie der „Global e-Sustainability Initiative“ (GeSi), dass wir bis 2030 unsere Emissionen allein durch smarte, digitale Lösungen um 20 % senken könnten. Videokonferenzen statt Flugreisen, Emails statt Altpapier, um nur zwei alltägliche Beispiele zu nennen. Mit Google Sunroof kann man heute auf simpelste Weise checken, welches Solareinsparungspotential das eigene Haus hat. Danke Big Data. Auch Smart Buildings, Smart Logistics und Smart Manufacturing sind Bereiche, in denen digitale Lösungen noch viel leisten können. Von besonderer Bedeutung ist jedoch der Ausbau
eines Smart Grid, welches wir brauchen, um eine wirklich dezentrale Stromversorgung mit erneuerbaren Energieträgern zu ermöglichen. Es ist noch relativ einfach, den Output eines großen Kraftwerks zur Abdeckung des aktuellen lokalen Strombedarfs zu steuern – man schiebt einfach mehr oder weniger Kohle in den Ofen. In der Zukunft werden diese Zentralversorger jedoch weniger, und die Kleinst- und Midi-Anlagen mehr. Dafür braucht es die Vernetzung untereinander, dafür braucht es IT. Nur so können die volatilen Erneuerbaren mit Speichern und Verbrauchern vernetzt, optimiert und gesteuert werden, so dass wir zu jeder Zeit eine sichere Stromversorgung haben. Die Digitale Transformation mag ein zweischneidiges Schwert im Klimakontext sein. Doch man sollte ihr Lösungspotential nicht unterschätzen.

 

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