Allgemein | von Jonathan Baller | 16.05.2019

Stadt Land Zukunft: E-Voting – Estland ist uns sogar beim Wählen voraus

Ein estnischer Bekannter erwähnte neulich ganz beiläufig, dass er bereits seine Stimme für die Europawahl 2019 abgegeben hätte. Online, innerhalb von 30 (!) Sekunden und wohlgemerkt aus Berlin. Gut, vielleicht hat es in Wirklichkeit ein wenig länger gedauert, aber das ändert nichts an der Tatsache. Und dem starken Kontrast zu den Erfahrungen deutscher Wähler. Wer als Deutscher wählen möchte, der muss sich bewegen. Ob in die nächstgelegene Schule, das benachbarte Altersheim oder die lokale Amtsstube. Klingt muffig, ist es meistens auch. Wer eine Linoleum-Allergie hat, dem steht ansonsten noch die immer populärer werdende Briefwahl zur Verfügung. Die ist jedoch auch nicht ganz ohne Fehler, was vor allem an ungeklärten Sicherheitsfragen liegt. Denn wenn ich meinen Wahlschein selbst in die Urne werfe, weiß ich wenigstens genau, dass er es bis dahin rechtzeitig geschafft hat. Ganz zu schweigen vom notwendigen Gang zum nächsten Briefkasten, von dem ich als Digital Native noch nicht einmal wüsste, wo er ist.

Die Esten hingegen können über solch mittelalterliche Probleme nur lachen. Sie haben eine der modernsten Verwaltungen überhaupt, sind Digitalisierungsspitzenreiter in Europa und werden immer wieder für ihren pragmatischen Umgang mit Verwaltungsvorgängen gelobt. Mittlerweile hat wohl jeder schon einmal davon gehört, wie einfach es ist, in Estland eine Firma zu gründen. Das E-Voting, welches für uns noch nach ferner Zukunftsmusik klingt, gibt es in Estland bereits seit 2005(!). Lang genug also, um handfeste Aussagen zur Tragfähigkeit eines solchen Systems treffen zu können. Und tatsächlich: Über ein Drittel der Esten wählen mittlerweile online, das technische Verfahren gilt als sicher, effizient und zuverlässig. Um zu gewährleisten, dass es sich tatsächlich um die wahlberechtigte Person handelt und die Stimme geheim und verschlüsselt übermittelt wird, wird ein mehrstufiges Verfahren benutzt. Die Identifizierung läuft über den Personalausweis, der mit einer digitalen Signatur ausgestattet ist. Der Chip auf dem Dokument erlaubt es, sich mithilfe eines Kartenlesegerätes einzuloggen und die Identifizierung mit einem persönlichen Nummerncode (PIN) abzuschließen. Stimmen die Daten überein, ist ein Zugriff auf die Kandidatenliste möglich. Ein zweiter Code dient als digitale Unterschrift zur Bestätigung der Stimmabgabe. Sodann wird die verschlüsselte Stimme weitergeleitet. Und falls man seine Meinung nachträglich ändern sollte, kann man immer noch am Wahltag zur Urne gehen, denn das E-Voting findet vorgelagert über einen Zeitraum von mehreren Tagen statt und am Ende wird zusammengerechnet. Rückschlüsse auf die persönliche Entscheidung sind so gut wie ausgeschlossen wie auch Manipulationen von außen.

Online-Wahl hin oder her – wir werden wahrscheinlich noch länger mit einer Mischung aus Hoffnung und Sehnsucht zum baltischen Digitalparadies Estland schauen. Aber es zeigt zumindest immer wieder, dass ambitionierte digitale Transformation möglich ist, wenn der Wille da ist. Und vor allem, dass Digitalisierung eine reale Verbesserung der Lebensqualität leisten kann, wenn man sie nur als Chance betrachtet und nicht als Risiko. Wir Deutschen werden wohl am Sonntag wieder mal zur Urne schlappen und mit keimigen Kugelschreibern Kreuze auf Papier machen, und uns dabei ein wenig albern vorkommen. Oder auch nicht.
Wie es auch sei – roc digital wünscht allen ein schönes Wochenende.

 

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