Allgemein | von Jonathan Baller | 02.05.2019

Stadt Land Zukunft: Senior Cohousing – Disrupting The Altersheim

Im dritten Teil unserer Artikelserie Stadt Land Zukunft nehmen wir uns ein Thema vor, welches nicht gerade zum Smalltalk-Standardrepertoire digitaler Kreise gehört, trotzdem eine hohe Relevanz hat: Wohnen im Alter, beziehungsweise dessen Zukunft. Während die Optionen früher recht überschaubar waren, verlieren traditionelle Lebensentwürfe heute zunehmend an Bedeutung. Neue Möglichkeiten emergieren. Eine der spannendsten Ideen ist hierbei jene der Senioren-WG, zu englisch etwas sperrig Senior Cohousing. Dabei meint WG in diesem Kontext weder die spartanisch eingerichteten Wohngemeinschaften, die viele Menschen mit ihrer Studienzeit verbinden, noch betreutes Wohnen in Kleingruppen. Es ist stattdessen ein höchst innovatives Wohnkonzept, welches das Zeug hat, die Lebensqualität vieler Menschen im Alter zu erhöhen, und gleichzeitig Antworten auf drängende Fragestellungen unserer Zeit zu liefern.

Ein Projekt, welches Schule machen könnte, ist die ‚60plus-WG‘ aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Es handelt sich hierbei um einen Zusammenschluss von Menschen, die an die Vision vom ”selbstbestimmten Altwerden in freundschaftlicher Gemeinschaft” glauben, und sich deren lokaler Umsetzung zur Aufgabe gemacht haben. Eine solche Gemeinschaft könnte in etwa so aussehen: Ein knappes Dutzend Bewohner ab 60 teilt sich ein Grundstück, auf dem jeder ein kleines Gebäude entweder alleine oder paarweise bewohnt. Im Zentrum steht ein Gemeinschaftshaus mit großem Tisch und geteilten Einrichtungen. Die Bewohner ziehen zu einem Zeitpunkt ein, an dem sie noch im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten sind, und sich voll in die Gemeinschaft einbringen können. Dabei sollen die Kosten für das Grundstück und die Bebauung niedrig gehalten werden, um eine bezahlbare Monatsmiete zu garantieren. Eigentümer ist die örtliche Kommune, die Bewohner strecken höchstens in der Bauphase vor. Momentan werden noch Partner und passende Grundstücke gesucht, doch das rege Interesse (schon über 90 Mitstreiter) spricht für sich, genau wie die guten Argumente der Initiative. Diese reichen von Bekämpfung von Alterseinsamkeit, über die Entlastung der Pflegekassen, die Beseitigung von Wohnraummangel in den Städten, Belebung ländlicher Regionen, bis hin zu zusätzlichen Einnahmen für Kommunen durch Mieten und Steuern.

Man braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich die aktuelle Relevanz der Thematik vor Augen zu führen. Wir stehen vor einer Zeitenwende: die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer (1955-1969) sind kurz vor dem Renteneintritt. Zwar gehören die Vertreter dieser Generation keineswegs zum alten Eisen, doch perspektivisch werden sich auch ihre Bedürfnisse ändern. Der Bedarf an Antworten auf die damit einhergehenden Herausforderungen ist groß. Für kommunale Entscheider eröffnen sich gerade hier Chancen. Mit Senior-Cohousing-Projekten können sie ihre Kommunen und Regionen stärken, ihre Attraktivität steigern und das Angebot regionaler Versorger diversifizieren. Gerade für die regionalen Versorger wird es immer notwendiger, sich mit zusätzlichen Angeboten die Nutzung ihrer Kernleistungen zu sichern, um in einem zunehmend atomisierten Markt zu bestehen. Innovative Leistungen wie Smartmeter, ECarpools, Onlineservices etc. können eine langfristige Kundenbindung schaffen, neue digitale Geschäftsmodelle erschließen und damit zusätzliche Umsatzquellen. Smart- Home-Anbieter wiederum finden dankbare Abnehmer für ihre Innovationen, ebenso wie die Anbieter neuer Mobilitätskonzepte. Denn wir haben es hier durchaus mit einer digital-affinen Zielgruppe zu tun. So spielen Online-Plattformen eine große Rolle in der Senior-Cohousing-Bewegung, über sie finden sich Gemeinschaften zusammen und organisieren ihre Arbeit. Vor allem aber zeigt sich am Beispiel dieses Trends, wie innovatives Denken, wie man es aus Coworkingspaces und Startup-Inkubatoren kennt, Antworten auf gesellschaftliche Fragen finden kann.

Sorry Altersheime, but you’re officially disrupted!

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